Rote Liste Säugetiere und Heuschrecken Niedersachsens erschienen

Ausgestorben, gefährdet oder wieder zurück: Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) hat die Roten Listen für heimische Säugetiere sowie für Heuschrecken neu aufgelegt und damit die Gefährdungssituation für diese Tierarten in Niedersachsen und Bremen aktuell bewertet. „Die erstmalige Gesamtbewertung seit 30 Jahren zeigt uns dringenden Handlungsbedarf für den Schutz von Säugetieren und Insekten auf“, so Niedersachsens Umwelt- und Artenschutzminister Christian Meyer. „Rote Listen als Verzeichnisse der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten sind daher ein wichtiges Instrument des Arten- und Naturschutzes. Nur, wenn wir genug wissen zur aktuellen Gefährdungssituation, können wir unsere heimischen Arten und deren Lebensräume zuverlässig schützen. Die dringende Notwendigkeit einer Fortschreibung der Roten Listen kann dank des „Niedersächsischen Wegs“ durch den NLWKN konsequent umgesetzt werden – und liefert nun erste Resultate und wichtige Grundlagen für weiteres Handeln.“

Einiges hat sich seit Erscheinen der letzten Roten Listen vor 30 Jahren verändert: Die früher als ausgestorben geltenden Arten Luchs, Wolf, Biber und Kegelrobbe zum Beispiel haben Niedersachsen wieder besiedelt, auch der Fischotter ist mittlerweile ungefährdet. Neben einigen Gewinnern gibt es jedoch auch Verlierer, etwa den Feldhamster und Gartenschläfer sowie einige Fledermausarten, die in ihrer Häufigkeit und Verbreitung stark zurückgegangen oder bereits vollständig ausgestorben sind. „Das liegt vor allem daran, dass die Qualität ihrer natürlichen Lebensräume immer weiter sinkt oder diese Lebensräume ganz verschwinden“, so Meyer.

Ein Team aus 34 Fachleuten unter Leitung von Sophie Kirberg, Mitarbeiterin des Aufgabenbereichs „Landesweiter Artenschutz“ im NLWKN, hat 74 heimische Arten nach bundesweit einheitlichen Kriterien bewertet. Mehr als ein Drittel (35 Prozent) der bewerteten Säugetierarten gelten als bestandsgefährdet oder sind bereits ausgestorben. Weitere zehn Prozent stehen auf der Vorwarnliste. Neu auf der Vorwarnliste taucht etwa auch der Igel auf, eine ehemals sehr häufige Art, der neben dem Straßenverkehr auch verstärkt Rasenmährobotern zum Opfer fällt. „Die aktuellen Zahlen zeigen unmissverständlich, dass beim Schutz unserer heimischen Säugetiere dringender Handlungsbedarf besteht“, so NLWKN-Mitarbeiterin Kirberg. „Ohne gezielte Schutzmaßnahmen und verlässliche Daten drohen wir das Artensterben nur zu dokumentieren – anstatt es zu verhindern.“

Besonders kritisch zeigt sich die Situation bei den Fledermäusen und Kleinsäugern, von denen unter anderem die Fledermausart Graues Langohr sowie die Kleinsäugerarten Feldhamster und Gartenschläfer als vom Aussterben bedroht gelten. Intensive Landnutzung verbunden mit einem starken Strukturverlust in der Landschaft und der großflächige Einsatz von Pestiziden haben durch den Verlust von Lebensraum und Nahrung zu einem starken Rückgang der Arten geführt.

Weitere Gefährdungsursachen ergeben sich für die heimischen Säugetiere durch die fortschreitende Urbanisierung, die hohe Dichte an Verkehrswegen und die Auswirkungen des Klimawandels. Ein Anstieg des Meeresspiegels kann zum Verlust von Sandbänken führen, die für Kegelrobben und Seehunde als Ruheplätze und Aufzuchtstätten von zentraler Bedeutung sind. Zunehmende Extremwetterereignisse wie langanhaltende Dürreperioden wiederum lassen Feuchtbiotope austrocknen und entziehen semi-aquatischen Arten wie der Wasserspitzmaus und dem Europäischen Nerz ihren Lebensraum und Nahrungsgrundlagen.

Trotz dieser negativen Trends gibt es auch positive Entwicklungen aus Sicht des Arten- und Naturschutzes: Die Rückkehr ehemals ausgestorbener Arten wie die Atlantische Kegelrobbe, der Europäische Biber und der Wolf, die fortschreitende Wiederbesiedlung durch den Fischotter sowie die erfolgreiche Wiederansiedlung des Luchses sind Beispiele für gelungene Schutzmaßnahmen in Niedersachsen und Bremen. Der Wolf, der bei der letzten Aktualisierung noch „ausgestorben“ war, befindet sich in einem guten Erhaltungszustand und wird nun als „ungefährdet“ eingestuft. Auf Basis eines umfangreichen Datenbestandes von mehr als 130.000 Heuschreckendaten wurde auch die Bestandsentwicklung und Gefährdungssituation der 53 heimischen Heuschreckenarten durch ein Autorenteam von acht Artexperten unter der Federführung der Arbeitsgruppe Biodiversität und Landschaftsökologie von Prof. Dr. Thomas Fartmann der Universität Osnabrück neu bewertet. In der aktuellen Fassung sind 14 der 53 und somit etwa ein Viertel der in Niedersachsen und Bremen regelmäßig vorkommenden Arten bestandsgefährdet. Hiervon ist mit der Heideschrecke eine Art vom Aussterben bedroht. Wie bereits in der vorherigen Fassung sind vier weitere Arten als ausgestorben eingestuft. Zudem gilt eine Art als extrem selten, eine weitere steht auf der Vorwarnliste. „Zu den Verlierern der letzten zwei Jahrzehnte zählen vor allem Arten, die kühl-feuchte Standortbedingungen bevorzugen wie etwa die Kurzflügelige Beißschrecke, der Bunte Grashüpfer und der Sumpfgrashüpfer. Der Klimawandel verstärkt hier durch sommerliche Dürreperioden den Druck auf die noch vorhandenen Lebensräume dieser Arten“, sagt Felix Helbing, Heuschreckenspezialist an der Universität Osnabrück und Erstautor der Roten Liste Heuschrecken.

Neben den Sommerdürren wurden noch weitere Gefährdungsursachen identifiziert. Hierzu zählen unter anderem die Überbauung, Beseitigung oder Umnutzung von Flächen, die Ertragsoptimierung in der Landwirtschaft, die Grundwasserabsenkung, der Eintrag von Stickstoff aus der Luft sowie ungeeignete Maßnahmen zur Lebensraumpflege. Im Zuge der veränderten Landnutzung sind unter anderem Arten extensiv genutzter, magerer Offenlandlebensräume wie Sandheiden, Magerrasen und magerem Grünland zunehmend in ihren Populationen gefährdet und isoliert, zum Beispiel der Warzenbeißer.

Positive Entwicklungen zeigen dagegen zahlreiche wärmeliebende Arten, deren Bestände in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem klimabedingt wachsen und sich ausbreiten konnten. Hierzu zählen unter anderem die Große Goldschrecke, die Langflügelige Schwertschrecke und die Südliche Eichenschrecke. Auch einige spezialisierte Arten konnten sich zuletzt ausbreiten, zum Beispiel die Blauflügelige Sandschrecke und die Blauflügelige Ödlandschrecke. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob dieser positive Trend in den kommenden Jahren anhält. Dies soll im Rahmen der nächsten Fassung der Roten Liste kritisch überprüft werden.

Für die langfristige Erhaltung unserer heimischen Tierwelt ist die dauerhafte Förderung strukturreicher Lebensräume mit vielfältigen Standortbedingungen entscheidend. Artenreiche Offenlandlebensräume wie Sandheiden, Magerrasen und Feuchtgrünland müssen durch geeignete Pflegekonzepte – etwa extensive Beweidungssysteme oder jährlich rotierende Insektenschutzstreifen auf Wiesen – erhalten werden. „Insbesondere in den stark vom Menschen geprägten Landschaften Niedersachsens und Bremens sind geeignete Artenschutzmaßnahmen von hoher Bedeutung. Maßnahmen, die den Biotopverbund zwischen bestehenden Lebensräumen fördern, wie die Anlage, Erhaltung und Pflege von Wegrändern, Einzelbäumen, Hecken und Waldsäumen sowie Querungsmöglichkeiten wie Unter- oder Überführungen von Verkehrswegen können dabei einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten“, betont Dr. Jakob Fahr, Leiter des Aufgabenbereichs „Landesweiter Artenschutz“ im NLWKN.

 

Der Feldhamster gilt als „vom Aussterben bedroht“. Jahrzehntelange Verfolgung
und intensive landwirtschaftliche Nutzung haben seine Bestände um
 90% reduziert. Heute überlebt er in wenigen Restvorkommen
d. Braunschweiger, Hildesheimer u. Calenberger; Quelle nlwkn.niedersachsen
Der Feldhamster gilt als „vom Aussterben bedroht“. Jahrzehntelange Verfolgung und intensive landwirtschaftliche Nutzung haben seine Bestände um 90% reduziert. Heute überlebt er in wenigen Restvorkommen d. Braunschweiger, Hildesheimer u. Calenberger; Quelle nlwkn.niedersachsen

Die Roten Listen Niedersachsen und Bremen sind unter folgendem Link verfügbar: www.nlwkn.niedersachsen.de/43858.html

Herausgeber: Nds. Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz.

Presseinformation im Portal des Landes Niedersachsen: www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/aktuelles/pressemitteilungen/rote-liste-saugetiere-und-heuschrecken


Grundwasserökologie als Thema des NLWKN-Workshops

Bewohner der Sandlückenfauna sind Indikatoren für die Grwundwasser-Qualität

Cloppenburg. „Wasser ist unverzichtbare Lebensgrundlage“, betonte Umweltminister Christian Meyer in seiner Videobotschaft zum Auftakt des 30. Grundwasser-Workshops des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLKWN). Und ergänzte: „In Niedersachsen werden 86 Prozent des Trinkwassers aus dem Grundwasser entnommen – im Rest Deutschlands lediglich 76 Prozent.“ Bedingt durch den Klimawandel und die extremen Trockenjahre seien die Themen Wasserrückhalt in der Fläche, Wassersparen und -wiederverwendung zentrale Themen des Masterplans Wasser , der voraussichtlich noch 2025 fertiggestellt wird. Erstmals stand das Thema Gewässerökologie auf der Agenda der Fachveranstaltung. NLWKN-Direktorin Anne Rickmeyer betonte: „Der Grundwasser-Workshop hat sich für Praxis, Verwaltung und Forschung als Forum zum fachlichen Austausch und zur Weiterentwicklung von Strategien und Maßnahmen etabliert – flexibel, interdisziplinär und im offenen Austausch.“

Sie hob bei ihrer Begrüßung der mehr als 300 Teilnehmenden die beachtliche Entwicklung des Grundwasser-Workshops hervor: „Was 1996 mit 50 Teilnehmenden zur Umsetzung des Kooperationsprogramms zum Trinkwasserschutz begann, hat sich zu einem zukunftsweisenden Forum für Grundwasserschutz und nachhaltige Wasserbewirtschaftung entwickelt. Dies auch dank Hubertus Schültken, der den Grundwasser-Workshop zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen aus Hildesheim und Cloppenburg seit vielen Jahrzehnten geprägt hat.“

Stand anfangs die Grundwassergüte mit Nitrat als Hauptbelastungsfaktor im Vordergrund der Veranstaltung, so rückte mit dem Klimawandel und den extremen Trockenjahren zunehmend das Thema Grundwassermenge in den Blickpunkt. Dieser Problemstellung widmete sich der erste Themenblock der diesjährigen Veranstaltung mit Beiträgen zu einem nachhaltigen Management der Wasserressourcen. Der zweite Themenblock beschäftige sich mit der Grundwasserökologie. „Ein äußerst spannendes Fachgebiet, das bislang beim Schutz der Ressource Grundwasser kaum beachtet wurde“, so Rickmeyer. „Daher haben wir dies aufgrund seiner hohen Relevanz zum Beispiel durch Reinigungs- und Filterfunktionen im Grundwasser in den Fokus der diesjährigen Veranstaltung gestellt.“

Beispiel für Grundwasser-Fauna: Höhlenflohkrebs
Beispiel für Grundwasser-Fauna: Höhlenflohkrebs

Beispiel für Grundwasser-Fauna: Höhlenwasserassel
Beispiel für Grundwasser-Fauna: Höhlenwasserassel

Herausgeber: NLWKN Nds. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz.

Presseinformation im Portal des Landes Niedersachsen: www.nlwkn.niedersachsen.de/…/pressemitteilungen/kleinstlebewesen-reinigen-grundwasser


„Fische im globalen Wandel“

Tagung der Gesellschaft für Ichthyologie (GfI) e.V. vom 09. bis 12. Oktober 2025 an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) in Landau in der Pfalz

„Der globale Wandel ist nicht nur eine der zentralen Herausforderungen für die weitere Entwicklung der Menschheit. Selbstverständlich betreffen diese Veränderungsprozesse auch weltweit die Fischbestände und ihre Umwelt. Dies spiegelt sich nicht zuletzt auch darin wider, dass Themen wie beispielsweise Biodiversitätsverlust, Klimawandel und Landnutzungswandel auch in der ichthyologischen Forschung eine zunehmende Bedeutung gewinnen. Von der lokalen bis zur globalen Skala begrüßen wir daher insbesondere Beiträge unter dem Thema ‚Fische im globalen Wandel‘, um hier einen thematischen Schwerpunkt der 21. Tagung der Gesellschaft für Ichthyologie zu setzten. Selbstverständlich sind darüber hinaus spannende Beiträge aus allen Bereichen der Ichthyologie wie immer genau so herzlich willkommen!“

Weitere Informationen zur Tagung unter: www.ichthyologie.de/gfi-tagung-2025
Anmeldung zur Tagung der GfI unter: https://www.ichthyologie.de/…gfi-tagung-2025-anmeldung


Rettet die Berge – LBV-Unterschriftenaktion

Die Bayerischen Alpen und unsere Mittelgebirge sind einzigartige Naturräume. Sie garantieren Tieren und Pflanzen ihren Lebensraum. Sie sind wertvoll für den Schutz unseres Klimas und bieten uns Menschen Erholung und Rückzugsorte. Der LBV (vertreten durch den Vorsitzenden Dr. NorbertSchäffer) sieht das durch das geplante „Dritte Modernisierungsgesetz“ gefährdet und ruft zu einer Unterschriftenaktion auf.

Die Unterschriftenaktion unter: www.actionnetwork.org/forms/…rettet-die-berge-kein-ruckschritt-beim-alpenschutz
Weitere Infos zum LBV – Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V. unter: www.lbv.de


Neobiota: Pflanzen und Insekten dominieren – Bayern und Bremen an der Spitze

Neue Studie vorgestellt

aus den VBIO-News 17/2025

Eine neu veröffentlichte Studie präsentiert erstmals eine umfassende Liste etablierter nicht-heimischer Arten in Deutschland, einschließlich der betroffenen Lebensräume, Herkunftsregionen und der dokumentierten Auswirkungen. Die meisten dieser 1962 Arten sind Pflanzen und Insekten, wobei 80 Prozent an Land leben. Besonders häufig wurden die Tiere und Pflanzen aus benachbarten europäischen Ländern, Asien und Nordamerika eingeführt. Die Studie zeigt, dass bei fast 98 Prozent der Arten die Auswirkungen auf heimische Ökosysteme und die Wirtschaft noch unbekannt sind. 

Weitere Informationen im VBIO-Newsletter 17/2025 unter: www.vbio.de/aktuelles/details
Weitere Infos zu VBIO unter: www.vbio.de


Regenwurmdichte auf Ackerland 18 Prozent und Artenreichtum 27 Prozent geringer als auf ungestörten Standorten.

aus den VBIO-News 05/2025 Aktuelles aus den Biowissenschaften

Regenwürmer – hier in Komposterde – sind wesentliche Verwerter organischer Reste. Foto: BSHnatur

Die Regenwurmdichte, Biomasse und der Artenreichtum auf intensiv genutzten Ackerflächen im Vergleich zu ungestörten Ökosystemen wird immer geringer. Ursachen dafür sind chemische Pestizide, intensive Bodenbearbeitung und Bodenverdichtung, während nachhaltige Praktiken wie Agroforstwirtschaft oder Brachflächen mit reduziertem Chemikalieneinsatz positive Effekte haben. Eine Studie von Senckenberg-Forschenden zeigt, dass der Schutz der Regenwurmvielfalt ein wesentlicher Bestandteil einer nachhaltigen Landwirtschaft ist.

Regenwürmer (Lumbricidae) spielen eine zentrale für intakte Böden: Sie verbessern die Bodenstruktur, reichern den Boden mit nährstoffreichem Wurmhumus mit wichtigen Nährstoffen an und tragen dazu bei, Mikroorganismen im Boden zu verbreiten, die ebenfalls für die Fruchtbarkeit entscheidend sind. „Die Aktivität von Regenwürmern fördert also gesunde Böden – die Grundlage für eine ertragreiche und nachhaltige Landwirtschaft“, erklärt Dr. Andrey Zaytsev vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz und fährt fort: „Gleichzeitig kann die moderne landwirtschaftliche Bewirtschaftung Regenwürmer erheblich gefährden. Der Einsatz von chemischen Pestiziden, Herbiziden und Düngemitteln sowie eine intensive Bodenbearbeitung machen den Tieren zu schaffen. Diese Faktoren können zu einem Rückgang der Regenwurmpopulationen führen, was langfristig die Bodenfruchtbarkeit und die ökologische Stabilität gefährdet.“

Zaitsev hat gemeinsam mit Dr. Bibiana Betancur-Corredor, vormals bei Senckenberg Görlitz, nun am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) sowie Dr. David J. Russell, ehrenamtlicher Mitarbeiter in Görlitz, mit einer Meta-Analyse die Auswirkungen der landwirtschaftlichen Bodennutzung auf die biologische Vielfalt von Regenwürmern untersucht. Die Forschenden verglichen ungestörte Ökosysteme – Grünland und Primärwald – mit verschiedenen landwirtschaftlich genutzten Flächen. „Wir haben hierfür Daten aus 113 Veröffentlichungen und 44 Ländern analysiert und konnten so 1040 Vergleiche zur Regenwurmdichte und -biomasse sowie 536 Vergleiche zur Regenwurmvielfalt ziehen“, fügt Betancur-Corredor hinzu. Das Team untersuchte zudem, wie sehr die Auswirkungen der landwirtschaftlichen Bodennutzung auf die Tiere von den in den Studien angegebenen Boden-, Klima- und Bewirtschaftungspraktiken abhängen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Regenwurmdichte auf Ackerland 18 Prozent, die Biomasse 15 Prozent und der Artenreichtum sogar 27 Prozent geringer ist als auf ungestörten Standorten. „Unsere Meta-Analyse belegt die tiefgreifenden Auswirkungen der landwirtschaftlichen Bodennutzung auf Regenwurmpopulationen in verschiedenen Agrarökosystemen. Die nachteiligen Auswirkungen, die auf Ackerflächen mit intensiver Bewirtschaftung beobachtet wurden, unterstreichen die Anfälligkeit der Regenwurmpopulationen für externe Störungen“, erläutert Zaytsev. Bestimmte landwirtschaftliche Nutzungsformen, wie die Agroforstwirtschaft und die Nutzung von Brachflächen in Kombination mit einem geringeren Einsatz von Chemikalien, haben jedoch das Potenzial, diese negativen Auswirkungen zu mildern, heißt es in der Studie. Regionen mit kontinentalem Klima, das durch kühle Sommer gekennzeichnet ist, weisen zudem günstigere Ergebnisse für Regenwurmpopulationen auf, während eine übermäßige Bodenverdichtung und ein geringer Gehalt an organischer Substanz die negativen Auswirkungen der landwirtschaftlichen Bodennutzung noch verstärken.

„Um die Vielfalt der Regenwürmer und die Funktionen des Ökosystems Boden zu schützen, sollten bei der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung die regionalen Klimaschwankungen und Bodeneigenschaften berücksichtigt werden. Die Erhaltung der Regenwurmpopulationen ist ein wesentlicher Bestandteil einer nachhaltigen Landwirtschaft – die Tiere spielen eine wichtige Rolle für die Gesundheit des Bodens und die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems. Durch die Umsetzung ganzheitlicher Ansätze können wir die negativen Auswirkungen abmildern und die Erhaltung der Regenwurmvielfalt in Agrarlandschaften fördern. Hiervon profitieren alle – die Regenwürmer, die Böden und die Landwirtschaft“, schließt Zaytsev.

Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz

Originalpublikation:
Betancur-Corredor, B., Zaitsev, A. & Russell, D.J. The impact of multiple agricultural land uses in sustaining earthworm communities in agroecosystems – A global meta-analysis. Sci Rep 14, 30160 (2024). www.doi.org/10.1038/s41598-024-81676-5


Starkregen NLWKN stellt Hinweiskarten für Starkregengefahren in Niedersachsen vor

Deutschlandweite Hinweiskarten des BKG verdeutlichen lokale Gefahren

Starkregenindex (SRI) nach Schmitt et. al., 2018, graphische Aufarbeitung aus Hochwassergefahrenkarten Köln
(Abb. nlwkn.niedersachsen)

Verden. „Die Gefahr, von einem Starkregenereignis betroffen zu sein, ist für jede und jeden, jederzeit und an jedem Ort möglich“ sagt Tobias Drückler vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Sein Kollege Malte Schilling ergänzt: „Im Vergleich zu Flusshochwassern gibt es für Starkregenereignisse auch keine ausreichende Vorwarnzeit.“ Die Starkregen-Experten des NLWKN-Hochwasserkompetenzzentrums arbeiten in Niedersachsen zusammen mit dem Umweltministerium an einer deutschlandweiten Hinweiskarte zu Starkregengefahren des Bundesamts für Kartographie und Geodäsie (BKG). Diese soll zukünftig auf derartige lokale Gefahren hinweisen.

Bereits 2021 hat das BKG für Nordrhein-Westfalen eine entsprechende Karte veröffentlicht. Dieses Jahr folgen zehn weitere Bundesländer. Ende 2024 wird die gesamte Fläche Nord-, West- und Ostdeutschlands als Hinweiskarte für Starkregen vorliegen. Bis Ende 2025 soll die Hinweiskarte auch um die restlichen Bundesländer ergänzt werden.

Eine Auswertung des Deutschen Wetterdiensts für den Zeitraum von 2001 bis 2022 hat alleine für Niedersachsen mehr als 700 Niederschlagsereignisse mit einem maximalen Starkregenindex (SRI) ab Stufe 7 („außergewöhnlicher Starkregen“) ergeben. Der Starkregenindex (SRI) ist ein Wert, den die Intensität eines Niederschlagsereignisses beschreibt. Eines der letzten Starkregenereignisse trat mit ungefähr 60 bis 70 Millimetern – das entspricht etwa sechs bis sieben Wassereimern pro Quadratmeter – am 13. August 2024 von 17 bis 18 Uhr in Aurich mit einem SRI 9 („extremer Starkregen“) auf. Dieses Ereignis führte zu einer Teilevakuierung in einem Alten- und Pflegeheim. Auch das Klinikum war betroffen, aber Feuerwehr und Technisches Hilfswerk konnten eine Evakuierung verhindern. Insgesamt wurden für dieses Ereignis 180 Einsätze in Aurich registriert.

Die deutschlandweite Hinweiskarte wird die maximalen Wassertiefen und Fließgeschwindigkeiten von einem außergewöhnlichen (SRI 7) sowie extremen Starkregenereignis (SRI 9) darstellen. Anhand der Hinweiskarten kann jede und jeder erkennen, welche Regionen bei einem SRI 7 betroffen sind. Die Karte ist so genau, dass auch einzelne Gebäude zu erkennen sind. Ein Vorabzug für Aurich veranschaulichte die Beobachtungen vom Ereignis im August 2024 und zeigte die Betroffenheit des Alten- und Pflegeheims sowie des Klinikums und von lokalen Senken, in denen sich das Wasser sammelte und so zu überfluteten Kellern beziehungsweise Grundstücken führte.

Voraussichtlich noch bis Ende des Jahres werden die Hinweiskarten über den Kartenserver des Bundes (Geoportal.de) veröffentlicht. Über die Karten, ihre Auslegung und zur generellen Problematik von Starkregenereignissen informierten die NLWKN-Experten Drückler und Schilling die niedersächsischen Landkreise und Kommunen bis Ende 2024.

„Aufgrund der erhöhten Nachfrage zu den Gefahren aus Starkregen und Sturzfluten berät das Hochwasserkompetenzzentrum des NLWKN seit 2023 die Kommunen und Landkreise. Dabei wird neben der klassischen Beratung zu vorsorgendem Hochwasserschutz auch zum Thema Starkregengefahrenanalyse und der darauf aufbauenden Starkregenvorsorge beraten. Das zukünftige Portal des BKG wird es Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, sich über eine mögliche direkte eigene Betroffenheit zu informieren. Weitergehende Informationen über die Starkregenproblematik finden sich auf der Internetseite des Umweltministeriums (Starkregen | Nds. Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz (niedersachsen.de)“ resümiert Tobias Drückler.

Vorabzug der Hinweiskarte Starkregengefahren für Aurich. Die blauen Bereichen zeigen deutlich die Gefahrenzonen auf.
(Abb. nlwkn.niedersachsen)
Radarerfasste Sturzfluten von 2001 bis 2022 – Kreisfarbe entspricht dem maximalen Starkregenindex im Niederschlagsgebiet,
Kreisgröße gibt die Größe des Niederschlagsgebiets wieder. (Abb. nlwkn.niedersachsen)
Ausschnitt aus der Hinweiskarte Starkregengefahren vom Geoportal des Bunds für Nordrhein-Westfalen.
(Abb. nlwkn.niedersachsen)

Herausgeber: NLWKN Nds. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz.

Presseinformation im Portal des Landes Niedersachsen: www.nlwkn.niedersachsen.de/…aktuelles/pressemitteilungen/nlwkn-stellt-hinweiskarten-fur-starkregengefahren-in-niedersachsen-vor


Faktencheck Artenvielfalt zeigt erstmals, wie es um die biologische Vielfalt in Deutschland steht

aus den VBIO-News 37/2024 Aktuelles aus den Biowissenschaften 02. 10. 2024

Mehr als die Hälfte der natürlichen Lebensraumtypen in Deutschland weist einen ökologisch ungünstigen Zustand auf, täglich verschwinden weitere wertvolle Habitatflächen. Die Konsequenz: Populationen von Arten schrumpfen, verarmen genetisch oder sterben aus – mit direktem Einfluss auf die Leistungsfähigkeit und Funktionsweise von Ökosystemen. Ein Drittel der Arten sind gefährdet, etwa drei Prozent sind bereits ausgestorben. ….

In kaum einem Land wird so viel zur biologischen Vielfalt geforscht wie in Deutschland. Für den Faktencheck Artenvielfalt (FA) haben mehr als 150 Wissenschaftler:innen von 75 Institutionen und Verbänden nun die Erkenntnisse aus über 6000 Publikationen ausgewertet, und in einer eigens dafür entwickelten Datenbank zusammengeführt. Um langfristige Entwicklungen zu erkennen, haben sie einen bisher noch nicht dagewesenen Datensatz von rund 15.000 Trends aus knapp 6200 Zeitreihen erstellt und analysiert. „Der Faktencheck Artenvielfalt ist weltweit eines der ersten Beispiele, wie große internationale Berichte – wie die globalen und regionalen Assessments des Weltbiodiversitätsrates IPBES – auf einen nationalen Kontext zugeschnitten aussehen können, mit dem Ziel, Handlungsoptionen für die konkrete nationale und subnationale Politik aufzuzeigen und zu entwickeln“, erklärt Prof. Dr. Christian Wirth, Professor an der Universität Leipzig und Mitherausgeber des FA.

Die Ergebnisse sind ernüchternd. Insgesamt sind 60 Prozent der 93 untersuchten Lebensraumtypen in einem unzureichenden oder schlechten Zustand. Am schlechtesten steht es um ehemals artenreiche Äcker und Grünland, Moore, Moorwälder, Sümpfe und Quellen. Der FA stellt nur wenige positive Entwicklungen fest, beispielsweise in Laubwäldern – doch diese werden akut vom Klimawandel bedroht.

10.000 Arten in Deutschland sind bestandsgefährdet . . .

Weiteres siehe: www.oekom.de/…Naturchutz&schlagwort

sowie: www.vbio.de/aktuelles/


Komplettes Erbgut und Gift-Gene der Mikroalge der Oder-Katastrophe entschlüsselt

Bezug auf die NaFor-PM vom 20. 08. 2022:

Fischsterben an der Oder: Seitengewässer vor eindringendem Oder-Wasser schützen

www.nafor.de/category/aktuelles/pressemitteilungen/Fischsterben an der Oder…

Im Sommer 2022 verendeten in der Oder rund 1.000 Tonnen Fische, Muscheln und Schnecken. Die Katastrophe war zwar vom Menschen verursacht, doch die unmittelbare Todesursache war das Gift einer Mikroalge mit dem wissenschaftlichen Sammelnamen Prymnesium parvum, oft auch ‚Goldalge‘ genannt. Seitdem haben sich diese Einzeller dauerhaft in der Oder angesiedelt. Forscherinnen und Forscher unter Leitung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) jetzt das Erbgut der Mikroalge sequenziert. Dabei konnten sie die Gensequenzen ausmachen, die für die Giftbildung verantwortlich sind. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht.
Prymnesium parvum s.l. (sensu lato), umgangssprachlich Goldalge genannt, steht für eine ganze Gruppe von Mikroalgen, die mit einer Größe von 5 bis 10 Mikrometern zwar winzig sind, aber verheerende Schäden anrichten können. Denn diese Algen können Zellgifte bilden, so genannte Prymnesine. Diese zerstören die Kiemen von Fischen und Filtrierern wie Muscheln und Schnecken im Wasser und greifen auch andere Körpergewebe an. Die Folge: Tod durch Sauerstoffmangel oder Kreislaufversagen.

Mikroalge ist nicht gleich Mikroalge:
Bisherige Untersuchungen zur Morphologie, Abstammung und Genetik haben gezeigt, dass Prymnesium parvum s.l. eine große Diversität aufweist: Mindestens 40 genetisch unterscheidbare Stämme mit unterschiedlichem Erbmaterial sind bekannt. Je nach Toxinproduktion werden drei Typen unterschieden: A, B und C. Bisher gab es nur ein Referenzgenom – eine vollständige „Abschrift“ des gesamten Erbguts – für den Typ A.

Nahe Verwandtschaft der Mikroalge ODER1 mit Brackwasserstämmen aus Dänemark und Norwegen:
Ein internationales Team um die IGB-Forscher Dr. Heiner Kuhl, Dr. Jürgen Strassert, Prof. Dr. Michael Monaghan und PD Dr. Matthias Stöck hat nun im Rahmen des vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums geförderten Projekts ODER~SO das gesamte Erbgut (Genom) des Algenstamms aus der Oderkatastrophe sequenziert. Dabei identifizierten sie auch Gensequenzen, die für die chemische Struktur der Toxine und damit für deren Eigenschaften verantwortlich sind. Der sequenzierte Stamm erhielt die Bezeichnung ‚ODER1‘ und wurde dem Typ B zugeordnet.

Die Forschenden erstellten zudem einen genetischen Stammbaum verschiedener Prymnesium parvum-Stämme. Dieser zeigt, dass der ODER1-Stamm am engsten mit einem Typ B-Stamm, K-0081, der bereits 1985 aus Brackwasser im Nordwesten Dänemarks isoliert wurde, sowie mit weiteren Typ B-Stämmen aus Norwegen (RCC3426, KAC-39 und K-0374) verwandt ist. Diese Ähnlichkeit ist auf die geographische Nähe zurückzuführen, gibt aber keinen direkten Aufschluss darüber, wie die Alge in die Oder gelangte.

(Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei – IGB)

Aus: VBIO Newsletter 25 / 2024 Aktuelles aus den Biowissenschaften

www.vbio.de/aktuelles/details…news


Originalpublikation:

Heiner Kuhl, Jürgen F.H. Strassert, Dora Čertnerová, Elisabeth Varga, Eva Kreuz, Dunja K. Lamatsch, Sven Wuertz, Jan Köhler, Michael T. Monaghan, Matthias Stöck: The haplotype-resolved Prymnesium parvum (type B) microalga genome reveals the genetic basis of its fish-killing toxins, Current Biology, 2024, ISSN 0960-9822,

https://doi.org/10.1016/j.cub.2024.06.033 (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982224008170)

Außerdem lesenswert das IGB Fact Sheet > Oder-Katastrophe: Was wissen wir über die Goldalge Prymnesium parvum?

https://www.igb-berlin.de/news/oder-katastrophe-was-wissen-wir-ueber-die-goldalg…


Geschädigte Ökosysteme – Neue Methode, um die Widerstandsfähigkeit der Vegetation zu schätzen

aus den VBIO-News 36/2023

Wer in diesem Jahr Urlaub am Meer gemacht hat, hat es dort vielleicht schon gemerkt, die Meere werden immer wärmer. Aber nicht nur das, sie werden auch immer saurer, mit erheblichen Folgen für die Meeresbewohner. Sichtbar gemacht haben dies Forschende aus Zürich mit Hilfe von „OceanAcidificationStripes“, die anzeigen, wie weit die Versauerung in Ihrer Lieblingsbaderegion schon vorangeschritten ist. Wie stark der Klimawandel der globalen Pflanzenwelt zusetzt, zeigt eine neue Methode, die die Widerstandsfähigkeit der Vegetation anhand von Satellitendaten und der Biomasse bestimmt, auch hier werden viele geschädigte Ökosysteme sichtbar. Und wenn Sie jetzt endlich auch mal Ihre Meinung zum Klimawandel loswerden wollen, oder konkrete Vorschläge haben, können Sie das auf einer online-Plattform des Bundesumweltministeriums beim „Dialog KlimaAnpassung – Leben im Klimawandel gemeinsam meistern“. Eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte.


Ideen und Anregungen dazu bekommen Sie vielleicht auch noch bei den kommenden VBIO online Veranstaltungen zum Thema „Biodiversität und Klimaveränderung und deren Wechselwirkung“ oder „Ozeane: Zeugen und Akteure des Klimawandels“.


Weitere Informationen im VBIO-Newsletter 36 unter: www.vbio.de/aktuelles/details
Weitere Infos zu VBIO unter: www.vbio.de